Ich

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Das Ich, in der indisch-theosophischen Tradition annähernd als Kama-Manas bezeichnet, ist das höchste der vier grundlegenden Wesensglieder des Menschen und zugleich sein geistiger Wesenskern. Durch seine drei unteren Wesensglieder, die dem Menschen gleichsam naturhaft verliehen werden, ist der Mensch ein Geschöpf der göttlich-geistigen Welt wie alle anderen Erdenwesen auch. Durch sein Ich ist er berufen, zum Schöpfer seiner selbst zu werden, ja mehr noch, es kann sich überhaupt nur dadurch verwirklichen, dass es sich selbst erschafft. Denn das Ich ist rein geistiger Natur, und es liegt im Wesen des Geistes, dass er sich selbst erschaffen muss und durch nichts anderes als sich selbst erschaffen werden kann. Es ist von gleicher Art wie die göttliche Schöpferkraft selbst, gleichsam ein winziger Funke des großen geistigen Weltenfeuers.

"Leicht kann demgegenüber das Mißverständnis entstehen, als ob solche Anschauungen das Ich mit Gott für Eins erklärten. Aber sie sagen durchaus nicht, daß das Ich Gott sei, sondern nur, daß es mit dem Göttlichen von einerlei Art und Wesenheit ist. Behauptet denn jemand, der Tropfen Wasser, der dem Meere entnommen ist, sei das Meer, wenn er sagt: der Tropfen sei derselben Wesenheit oder Substanz wie das Meer? Will man durchaus einen Vergleich gebrauchen, so kann man sagen: wie der Tropfen sich zu dem Meere verhält, so verhält sich das «Ich» zum Göttlichen. Der Mensch kann in sich ein Göttliches finden, weil sein ureigenstes Wesen dem Göttlichen entnommen ist." (Lit.: GA 13)

Falsch wäre es, das individuelle Ich durch seine Abgrenzung von anderen Ichen oder vom Insgesamt des Kosmos zu definieren. Als rein schöpferisches Prinzip entzieht sich das Ich jeder Abgrenzung oder Definition. In einer ganz spezifischen Weise ist das Ich eins mit dem Ganzen, dessen individueller Ausdruck es ist. Bildhaft darf man sich die Iche der Menschen als eine Vielzahl übereinandergelegter unendliche großer Kreise vorstellen, die alle bis an die Unendlichkeit reichen und von denen doch jeder seinen eigenen unverwechselbaren Mittelpunkt hat, in dem sich die Unendlichkeit in einzigartiger Weise spiegelt. Dieses Bild ist ein geeignetes Meditationsobjekt, um sich über die wahre Natur des Ichs aufzuklären.

Entwicklungsgeschichtlich ist das Ich das jüngste aller Wesensglieder und daher noch entsprechend wenig ausgereift. Es wurde erst während unserer irdischen planetaren Entwicklungsstufe veranlagt. Blicken wir derart von unserem Ich auf zur göttlichen Welt, so muss uns das mit rechter Bescheidenheit erfüllen, zugleich aber - aus freiem Entschluss - die Verpflichtung in uns erwecken, das eigene Selbst immer weiter zu entwicklen und zu einem schöpferischen Quell im Dienste der künftigen Weltentwicklung zu machen. Denn auch das ist untrennbar mit dem Wesen des Geistes verbunden: sich selbst beständig an die Welt verschenken zu müssen. Geist ist tätig sich hinopfernde Liebe. Nur aus der unermeßlichen göttlichen Liebe konnte die ganze Schöpfung entspringen, und nur wenn der Mensch einen Funken dieser Liebe in sich rege macht, kann er sein individuelles Ich verwirklichen.

Das Ich entwickelt sich durch die Taten, die es auf Erden setzt. Diese Entwicklung kann unmöglich während eines einzigen Erdenlebens vollendet werden, sondern vollzieht sich in einer ganzen Reihe aufeinander folgender irdischer Inkarnationen. Darauf hat schon Lessing in seiner Erziehung des Menschengeschlechts (§ 92 - § 100) hingewiesen. Die Taten des einen Lebens bedingen dabei die veranlagten Fähigkeiten und das künftige Schicksal des Ichs in den weiteren Erdenleben. Das menschliche Ich untersteht damit den Gesetzen von Reinkarnation und Karma.

Unser gegenwärtiges Selbstbewusstsein ahnt noch wenig von der wahren geistigen Natur unseres Ichs. Schicksalsschläge scheinen den Menschen völlig ungewollt und unerwartet wie zufällig von aussen zu treffen - und entspringen doch dem freien Entschluss unseres wahren höheren Ichs, das durch dieses Prüfungen und Herausforderungen nach geeigneten Wegen für seine weitere Entwicklung sucht. Je weiter die wahre Selbsterkenntnis des Menschen voranschreitet, desto mehr kann er aus der Einsicht in die geistigen Entwicklungsnotwendigkeiten seines individuellen Wesens zum bewussten Vollstrecker seines Schicksals werden. Das aus den unbewussten Tiefen der Seele wirkende Schicksal, das Karma, wird dadurch nach und nach zum bewussten Gesetz der Seele, das sich der individuelle Menschengeist selbst gibt. Dieses bewusste Gesetz der menschlichen Seele wird mit einem indischen Ausdruck auch als Dharma bezeichnet. Das nächste Ziel der menschlichen Entwicklung ist es, im Zuge der wiederholten Erdenleben Karma immer mehr in Dharma zu verwandeln. Ist dieses Ziel einmal erreicht, bedarf der Mensch, wie es Buddha erstmals ausgesprochen hat, für seine künftige Entwicklung keiner weiteren irdischen Verkörperungen mehr, sondern schreitet von da an auf einem rein geistigen Entwicklungspfad fort.

Der Gedanke, dass sich das menschliche Ich durch die Taten, die es aus freiem Willensentschluss setzt, weiterentwickelt, liegt schon Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit zugrunde. Als Grundmaxime des freien Menschen gilt ihm:

"Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen." (Lit.: GA 4)

Durch das Ich stellen wir uns als selbsbewusstes Wesen der Natur gegenüber und scheinen dadurch zunächst völlig abgetrennt von ihr zu sein. Und doch gibt es untergründig eine geheimnisvolle Beziehung zu den Naturreichen. Insbesondere hat Rudolf Steiner darauf hingewiesen, dass das Ich die zusammengedrängten Kräfte des mineralischen Kosmos in sich trägt:

"Wenn wir von dem Ich sprechen, so müssen wir von demjenigen im Menschen sprechen, das zum Beispiel nicht nur ein Bewußtsein hat während des Wachens, sondern das auch da ist, wenn der Mensch schläft, das seine Kräfte entfaltet ins ganze Universum hinaus, das von den geistigen Kräften des Kosmos durchstrahlt und durchwirkt und durchpulst ist, wenn der Mensch schläft: das tragen wir unbewußt in uns. Und wenn wir es herausexstirpieren könnten aus dem Menschen, so wie wir das gesagt haben für den Ätherleib, für den astralischen Leib, wir würden aus diesem Ich das ganze Bild des mineralischen Weltenalls bekommen mit allen seinen verschiedenen Geheimnissen des Kosmos. In diesem Ich steckt alles dasjenige zusammengedrängt, was im ganzen Kosmos ausgebreitet ist. Wir tragen den mineralischen Kosmos also in uns." (Lit.: GA 167, 7.Vortrag)

Das hängt damit zusammen, dass die Entwicklung unsers Ich-Bewusstseins sehr eng mit der Gestalt des physischen Leibes verbunden ist. Rudolf Steiner hat gezeigt, dass das Ich-Bewusstsein dadurch entsteht, dass wir gleichsam unsere physische Gestalt von innen her abtasten und, indem wir diese Grenze spüren, uns von der Welt zu unterscheiden lernen. Die menschliche Gestalt ist aber wiederum Ausdruck der formenden Kräfte des ganzen Kosmos. Dahinter stehen erhabene geistige Wesenheiten, die eigentlichen Schöpfergötter unserer Erdenentwicklung, die Elohim oder Geister der Form, durch deren Opfertat wir unser Ich bekommen haben, und die in der Natur allem Geschaffenen die physische Form geben. Eben deshalb wird aber auch die Auferstehung des Leibes zu einer entscheidenden Frage für das menschliche Ich.

In seiner Realität wirksam sehen wir das Ich ganz besonders dort, wo das Ich-Bewusstsein noch nicht erwacht ist. Das ist in den ersten Kindheitsjahren der Fall bis hin zu jenen Zeitpunkt, der heute etwa im dritten Lebensjahr liegt, bis zu dem wir uns später bewusst zurückerinnern können und wo wir uns erstmals unserer selbst bewusst geworden sind. Bis dahin wirkt das Ich bildend bis in den physischen Leib hinein, um diesen erst zum geeigneten Werkzeug für das Ich-Bewusstsein zu machen. Äußerlich sichtbar wird diese Tätigkeit des Ich in jenen drei Fähigkeiten, durch die sich der Mensch grundlegend vom Tier unterscheidet, nämlich in der Aufrichtekraft, in der Sprache und dem Denken. Sind diese Fähigkeiten bis in ihre physischen Grundlagen ausgebildet, macht das Ich, das wirkliche Ich in seiner vollen geistigen Realität, die weitere Erdenwanderung zum größten Teil nicht mehr mit und verbleibt in der geistigen Welt. Was wir desweiteren als unser irdisches Ich im Selbstbewusstsein erleben, ist eigentlich nur ein Spiegelbild unseres wahren geistigen Ichs. Gerade darin aber, in diesem bloßen Bildcharakter, den dadurch die ganze menschliche Erkenntnis bekommt, liegt die Möglichkeit zur Freiheit begründet:

"Und das ist das schwer zu fassende Geheimnis, daß das Ich eigentlich in dem Zeitpunkte, bis zu dem wir uns zurückerinnern, stehenbleibt. Es wird nicht mit dem Leibe geändert, es bleibt stehen. Gerade dadurch haben wir es immer vor uns, daß es uns, indem wir hinschauen, unsere Erlebnisse entgegenspiegelt. Das Ich macht unsere Erdenwanderung nicht mit. Erst wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, müssen wir den Weg, den wir Kamaloka nennen, wiederum zurück machen bis zu unserer Geburt, um unser Ich wieder anzutreffen, und es dann auf unserer weiteren Wanderung mitzunehmen. Der Körper schiebt sich in den Jahren vor - das Ich bleibt zurück, das Ich bleibt stehen. Schwierig zu begreifen ist es aus dem Grunde, weil man sich nicht vorstellen kann, daß in der Zeit etwas stehenbleibt, während die Zeit weiterrückt. Aber es ist doch so. Das Ich bleibt stehen, und zwar bleibt es aus dem Grunde stehen, weil dieses Ich eigentlich sich nicht verbindet mit dem, was vom Erdendasein an den Menschen herankommt, sondern weil es verbunden bleibt mit denjenigen Kräften, die wir in der geistigen Welt die unsrigen nennen. Das Ich bleibt da, das Ich bleibt im Grunde in der Form, wie es uns verliehen ist, wie wir wissen, von den Geistern der Form. Dieses Ich wird in der geistigen Welt gehalten. (Lit.: GA 165, S 16)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, GA 4 (1995), Kapitel IX DIE IDEE DER FREIHEIT
  2. Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriß, GA 13 (1989), Kapitel Wesen der Menschheit
  3. Rudolf Steiner: Die geistige Vereinigung der Menschheit durch den Christus-Impuls, GA 165 (1981), Berlin, 19. Dezember 1915
  4. Rudolf Steiner: Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste, GA 167 (1962), Siebenter Vortrag, Berlin, 25. April 1916
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@rudolf-steiner.com URL: http://www.rudolf-steiner.com. Hier wird auch eine Volltextsuche im schriftlichen Gesamtwerk angeboten.

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